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Geschichten aus dem Orient Folge 1

Vom Mut, eine Probe zu wagen

 

Mit der Rubrik "Geschichten aus dem Orient" reisen Sie in ferne Länder und Zeiten, in denen Geschichtenerzähler und Derwische ihre Anekdoten und Märchen am Marktplatz, in Kaffeehäusern oder im Kreis der Großfamilie unters Volk brachten.

Bis heute lieben wir die Geschichten wegen ihres großen Unterhaltungswertes. Sie sind der Teelöffel Zucker, der selbst bittere Moral versüßt und interessant macht. Lassen Sie sich in den Orient entführen...

Vom Mut, eine Probe zu wagen

Ein König stellte für einen wichtigen Posten den Hofstaat auf die Probe. Kräftige und weise Männer umstanden ihn in großer Menge. "Ihr weisen Männer", sprach der König, "ich habe ein Problem, und ich möchte sehen, wer von euch in der Lage ist, dieses Problem zu lösen." Er führte die Anwesenden zu einem riesengroßen Türschloss, so groß, wie es keiner je gesehen hatte. Der König erklärte: "Hier seht ihr das größte und schwerste Schloss, das es in meinem Reich je gab. Wer von euch ist in der Lage, das Schloss zu öffnen?" Ein Teil der Höflinge schüttelte nur verneinend den Kopf. Einige, die zu den Weisen zählten, schauten sich das Schloss näher an, gaben aber zu, sie könnten es nicht schaffen. Als die Weisen dies gesagt hatten, war sich auch der Rest des Hofstaates einig, dieses Problem sei zu schwer, als dass sie es lösen könnten. Nur ein Wesir ging an das Schloss heran. Er untersuchte es mit Blicken und Fingern, versuchte, es auf die verschiedensten Weisen zu bewegen und zog schließlich mit einem Ruck daran. Und siehe, das Schloss öffnete sich. Das Schloss war nur angelehnt gewesen, nicht ganz zugeschnappt, und es bedurfte nichts weiter als des Mutes und der Bereitschaft, dies zu begreifen und beherzt zu handeln. Der König sprach: "Du wirst die Stelle am Hof erhalten, denn du verlässt dich nicht nur auf das, was du siehst oder was du hörst, sondern setzt selber deine eigenen Kräfte ein und wagst eine Probe."

 

Diese Geschichte wurde uns freundlicherweise von dem Psychotherapeuten Prof. Nossrat Peseschkian zur Verfügung gestellt. Er benutzt in der von ihm begründeten "Positiven Psychotherapie" für seine Arbeit mit den Patienten diese und ähnliche Geschichten und hat damit große Erfolge. Er besitzt ein großes Wissen rund um diese Geschichten, an dem er uns teilhaben lässt.

Doch lassen wir ihn selbst zu Wort kommen: "In den letzten Jahren habe ich eine Vielzahl orientalischer Mythologien und Fabeln zusammengetragen. Diese Mythologien wurden unter dem Gesichtspunkt ausgesucht, dass sie auf zwischenmenschliche wie seelische Konflikte und Missverständnisse hindeuten und deren Hintergründe und Folgen dem Hörer näher bringen. Dass ich auf orientalische Geschichten zurückgriff, hat keine prinzipielle Bedeutung. Orientalische und okzidentale Mythologien und Weisheiten besitzen in vieler Hinsicht gemeinsame Wurzeln und haben sich erst im geschichtlich-politischen Spannungsfeld voneinander gelöst."

Lesen Sie in der nächsten Nummer von "Abenteuer Philosophie" die Geschichte "Der Dattelesser" und weitere wertvolle Hintergrundinformationen von Prof. Nossrat Peseschkian!

Wir danken Nossrat Peseschkian für die freundliche Genehmigung des Abdrucks des oben angeführten Buchausschnittes aus "Der Kaufmann und der Papagei", erschienen im Fischer Taschenbuchverlag.

Dr. med. Nossrat Peseschkian, * 1933 im Iran, ist Leiter und Begründer des Internationalen Zentrums für Positive und Transkulturelle Psychotherapie e.V. in Wiesbaden. Er zählt heute zu den weltweit bekanntesten Psychotherapeuten.

 

Autor: Prof. Dr. Nossrat Peseschkian

(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr.  103)

 
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