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Meine Gespräche mit S.

Grübeln im Licht

Hallo, liebe, geschätzte Leserin, lieber, geschätzter Leser!

Gerade habe ich nachgerechnet: Zum 68. Mal darf ich dich an dieser Stelle von „Abenteuer Philosophie“ herzlich begrüßen. Wow, achtundsechzig Gespräche mit Sokrates! Das ist schon eine ganz schöne Menge!!!

Übrigens, viele meiner Freunde und Bekannten fordern mich immer wieder auf: „Mach doch ein Buch aus deinen Geschichten!“ Und sie geben mir dazu auch des Öfteren ganz professionelle Anregungen dazu: „Sokrates sollte sich verlieben, und zwar in eine emanzipierte Schopenhauer-Anhängerin, die aber auch Karl Marx und Woody Allen verehrt, das wär doch was! Und würz' das Ganze mit ein paar deftigen Sexszenen.- Du wirst sehen, das steigert die Auflage!“ oder: „Der Titel ist eigentlich schön blöd, die Kids fahren darauf überhaupt nicht ab. Ich finde folgenden viel besser: Peter Potter und die Magier der Philosophie.“ oder: „Etwas mehr Action täte der Serie gut! Die Karikatur von dir sollte ein bisschen mehr an Bruce Willis erinnern, dann könnte die Serie auch Philosophier' langsam heißen.“

Danke, danke! Ich denke gerne darüber nach! Aber ich glaube, das ist nicht mein Stil.

Wenn ich schon ein Buch schreiben würde, dann würde es vielleicht an Paulo Coelho erinnern, der vor einigen Jahren das Buch „Handbuch des Kriegers des Lichts“ veröffentlicht hat… Ja, das könnte ich mir ganz gut vorstellen: Handbuch des Philosophen? Nein, zu fad. Handbuch des verzweifelten Denkers? Nein, klingt auch blöd! Vielleicht Handbuch des Grüblers des Lichts! Genau! Das klingt auflagenverdächtig! Zum Beispiel könnte ich Themen, welche die Medien anno 2006 bewegten, hier einfließen lassen und sie aus der Sicht des Grüblers betrachten... und schon ist mein erster Bestseller geboren!

Handbuch des Grüblers des Lichts (Auszüge)

Feuer

Dem Grübler des Lichts kam diesen Sommer zu Ohren, dass zahlreiche Waldbrände auf der Iberischen Halbinsel nicht nur große materielle Schäden verursachten, sondern auch viele Menschen unmittelbar durch die Flammen bedroht waren. Als Brandursache galten wieder die Entzündung des Waldes durch lang anhaltende Dürre und extreme Hitze sowie Immobilienspekulanten, die zu Brandstiftern wurden, um landwirtschaftliche Fläche in Bauland umzuwandeln.

Doch halt! In diesem Sommer kam eine dritte Variante hinzu: In Spanien ist die Privatisierung von staatlichen Dienstleistungen schon weiter fortgeschritten als in anderen Ländern der EU: Die Feuerwehren bestehen nicht mehr nur aus einem staatlichen Teil in den Städten sowie den Freiwilligen Feuerwehren auf dem Land, nein, es gibt bereits private Löschunternehmen, die kapitalgesellschaftlich aufgebaut sind.

Getreu den Regeln der freien Marktwirtschaft war es daher (wie vermutet wurde) notwendig, eine drohende ökonomische Rezession dadurch abzuwenden, indem man Impulse setzte, welche einen konjunkturellen Aufschwung einleiten sollten. Nachfrage belebt das Geschäft.

Der Grübler des Lichts vermutet hinter diesen Bränden einen genialen Werbefeldzug, einen ausgefuchsten Wirtschaftsxtrategen, der vermutlich seinen akademischen Titel an einer prominenten Wirtschaftsfakultät erworben hat!!! „Was aber“, überlegt der Grübler, „wäre wohl in einem Land wie Österreich möglich, wo Waldbrände eher selten vorkommen? Hm, wenn nicht aus dem Feuer, so zumindest mit dem Wasser einen Profit erzielen: Wenn das Wasser endlich privatisiert wäre, dann könnte ein kluger Konzern-Manager doch einen kleinen Farbeimer in einem Wasser-Reservoir verlieren, das Wasser wäre ungenießbar oder sogar giftig, es würde zu einer Knappheit kommen, die Preise würden steigen und das wirtschaftliche Wachstum dieser Branche endlich absichern!“

Doch bevor dem Grübler des Lichts noch weitere Beispiele einfallen, beschließt er, eine Cola trinken zu gehen.

Teuer

Die Fußballweltmeisterschaft ist auch an dem Grübler des Lichts nicht vorbeigegangen. Er hat sich mit seinem Sohn einige Spiele im österreichischen Fernsehen angesehen. Eines machte ihn stutzig: Vor jedem Spiel wurde noch ein Werbe-Spot gezeigt. „Die folgende Sendung widmet Ihnen …“ ein Wettbüro, nein, ein ganzes Wettunternehmen, das im Internet und auch mit eigenen Wett-Cafés am Markt ist.

Der Grübler des Lichts überlegt: „Da vor allem auch fußballinteressierte Jugendliche die Fußballspiele verfolgen, warum müssen sie mit solchen Institutionen in Kontakt gebracht werden? Sollen sie etwa mit ihrem Taschengeld wetten?“

Der Grübler des Lichts betritt die Straße und sieht sich um. In den letzten Jahren haben Wettbüros auch das Stadtbild geprägt. Immer mehr tauchen sie auf. Sie tragen schicke englische Namen und versprechen Gewinn, Gewinn, Gewinn. Warum verfügen dann diese Unternehmen über so viel Geld, dass sie in diesem Ausmaß investieren können? Wer gewinnt hier wirklich? Ehrlicherweise sollten die Namen so lauten: „bet and loose“ oder „pay and pray“ oder „cry and die“. „Die Flucht ins Glücksspiel“, so denkt der Grübler des Lichts, „die Chance auf das große Geld ist verlockend.

Arbeit allein scheint die Existenz immer schwerer sichern zu können. Es gibt immer weniger Vollzeitarbeitsplätze. Dafür oft schlecht bezahlte Teilzeitarbeit oder geringfügig bezahlte Arbeitsplätze, immer mehr unfreiwillige echte und unechte neue Selbstständige, Werkverträge und Leasing-Personal... Es wird immer schwieriger, sich mittels der Arbeit als Mensch zu finden und zu definieren. Sie gilt nur mehr zur Geldbeschaffung, und warum sollte es nicht einfacher gehen, reich zu werden?“

Nicht geheuer

Der Grübler des Lichts muss Einkäufe tätigen. Er geht in den Lebensmittelmarkt, kauft ein und steht an der Kasse. Die Kassiererin fragt: „Haben Sie eine Kundenkarte?“ Der Grübler geht weiter in die Drogerie und kauft ein: „Haben Sie eine Kundenkarte?“ Er betritt den Buchladen: „Mit einer Kundenkarte können wir Ihnen am Ende des Jahres einen Rabatt von 3% gewähren!“ Er begibt sich in den Sportartikelfachmarkt: „Wenn Sie eine Kundenkarte haben, senden wir Ihnen an Ihrem Geburtstag ein kleines Präsent zu!“ Im Schuhgeschäft: „Mit Ihrer neuen Stammkundenkarte erhalten Sie ganz besonders günstige Vergünstigungen!“?! Im Möbelfachmarkt: „Mit unserer Karte bist du nicht nur Kunde, nein, du gehörst sogar zu unserer großen glücklichen Familie!“

Der Grübler des Lichts muss ab sofort mit einem Rucksack einkaufen gehen; nicht um darin die eingekauften Konsumartikel zu verstauen, sondern um alle Kundenkarten dort unterzubringen. Er hat in jeder Firma seine Daten hinterlassen. Das sind unter anderem: sein Name, sein Alter, sein Familienstand, der Name des Partners, die Namen der Kinder (auch der unehelichen), seine Adresse, seine Hobbys, seine persönlichen Vorlieben – auch die sexuellen –, seine politische Haltung, sein religiöses Bekenntnis, Daten über sein Einkommen, seine Einkaufsgewohnheiten, seine erblich bedingten Krankheiten sowie Namen und Alter der Haustiere …

Aber dafür kriegt er 3 % und ist Teil einer großen Konsumfamilie.

Der Grübler des Lichts entsorgt die vielen kleinen Plastikkarten, die ihn als etwas Besonderes ausweisen sollten, und denkt sich: „Dieser George Orwell hatte ja nicht besonders viel Phantasie! Alles …….“

„Servus Peter“.

Diese Stimme kenn ich doch. Es war Sokrates, der wie immer im geeignetsten Moment auftaucht. „Du schaust so nachdenklich aus. Du bist sicherlich dabei, Dir unsere letzte Gesprächsrunde noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen.“

„ Salve, Meister. Wie schön, Dich heute bei mir begrüßen zu können. Eigentlich war ich nicht ganz bei der Sache vom letzten Mal, sondern, ganz im Gegenteil …..“

„Gut, gut Peter, man kann ja durchaus einmal das Sein der Ideen mit dem Schein der Welt verwechseln. Aber das hatten wir ja bereits das letzte Mal ausdiskutiert. Ich muss Dir unbedingt erzählen, welch schöne Gespräche ich heute auf der Agora geführt habe. Noch dazu mit ganz jungen Menschen, von denen heute alle sagen, dass sie nichts Sinnvolles im Kopf haben und nur dem Materialismus der Welt frönen. Nun, zugegeben, anfangs waren sie ein wenig reserviert aber dann tauten sie ordentlich auf und wir verbrachten eine sehr schöne gemeinsame Stunde. Dabei hatte ich ihnen nur einen kleinen Gedankenanstoß gegeben. Ich habe ihnen nämlich erzählt, dass es zu jeder Sache notwendigerweise auch das Gegenteil gibt. So kommt der Schmerz zum Beispiel nie alleine, sondern führt wie an einem Band auch die Freude mit sich. Verschwindet der eine, taucht die andere plötzlich auf. Und so habe ich ihnen gesagt, dass es doch viel glücklicher macht, sich mit der Freude zu beschäftigen anstelle Trübsinn zu blasen. Schließlich wird ja auch die Zukunft so werden, wie wir sie uns vorstellen. Und da beschäftige ich mich lieber mit den aufbauenden und erheiternden Momenten des Lebens. Aber Du, mein lieber Peter, kennst diese Dinge ohnehin zur Genüge. Ich habe jetzt nach all diesen Gesprächen einen ordentlichen Hunger. Gehen wir ein Mousaka essen? Dort drüben hat erst letzte Woche ein Grieche sein Lokal eröffnet!“

Na, liebe Leserin, lieber Leser, wie gefällt dir das?

Da hat mich mein Sokrates ganz schön erschüttert mit seinen Ideen. Ich werde mir das gut merken und zumindest versuchen, auch die „andere“ Seite zu sehen.

Besonders dann, wenn ich die Hoffnung vor lauter Zweifel nicht mehr sehe.

Geht es Dir manchmal auch so? Dann denk doch auch an Sokrates. Es hilft, Du wirst schon sehen.

Bis zum nächsten Mal!

Peter Schmidt (Autor)

(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 106)

 
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