Der göttliche Schelm
Der Trickster, wie unser "göttlicher Schelm" in den amerikanischen
Kulturen genannt wird, ist eine äußerst zwiespältige Figur. Mal heilt
er, dann verletzt er scheinbar grundlos oder tötet sogar. Er gilt als
Kulturbringer und Tölpel zugleich. Ist er bei einer Sache dabei, ist
man sich seiner Sache nie sicher. Zumeist in männlicher Gestalt
dargestellt, wandelt er sein äußeres Erscheinungsbild ständig. Ohne das
geringste Zeichen von Reue stiehlt und betrügt er. Der eindeutige Weg
ist ihm fremd, das, was für ihn zählt, ist die Unwägbarkeit seines
nächsten Schrittes, ja seines nächsten Gedankens. Und es scheint, dass
nicht einmal er weiß, wohin die Reise geht. Nur eines ist bei ihm
sicher: die ständige Möglichkeit zur Wandlung, sei es in der äußeren
Gestalt oder im spitzbübischen Gedanken. Will man ihm nicht
unterliegen, ist eine unablässige Aufmerksamkeit gefragt. Was können
wir von ihm lernen? In erster Linie seine Wandlungsfähigkeit, die
unsere eigene Transformation notwendig macht. Die Frage ist nur,
welche?
Der allgegenwärtige Gott
Zu finden ist unser Gott in beinahe jeder Kultur. Sei es der Kokopelli
bei den Pueblo-Indianern, der Kutka in Sibirien, Anansi in Westafrika
bzw. auf den Karibischen Inseln oder Mannanan in Irland. Als einer der
bekanntesten gilt bei uns wohl der griechische Hermes, der bereits kurz
nach seiner Geburt seinem Bruder Apollo eine Rinderherde stahl. Das
Prinzip des Störenfriedes und Weltverbesserers zugleich ist scheinbar
aus keiner Zeit wegzudenken. Ein diesbezüglich besonders gutes Beispiel
zeigt sich uns in der Figur des Loki.
Loki, der "Luftgott" der germanischen Mythologie
"Loki ist schmuck und schön von Gestalt, aber bös von Gemüt und sehr
unbeständig. Er übertrifft alle andern in Schlauheit und in jeder Art
von Betrug."
(Edda)
Loki ist ein ausgezeichneter Stratege, der diese Eigenschaft zur
Erreichung seiner eigenen Ziele einsetzt. Als Kind zweier Riesen ist
sein Verhältnis zu den Asen, den germanischen Göttern, zwiespältig. Er
gilt als Feind und zugleich Freund der Götter. Loki ist ein
Gestaltenwechsler, ein Meister der Metamorphose, der sich in die
verschiedensten Tiere und Menschen verwandeln kann. In den
überlieferten Mythen ist er Adler, Stute, Lachs, eine Fliege oder ein
altes Weib. Denn er wechselt auch sein Geschlecht, erlebt
Schwangerschaft und Geburt, so bringt er in der Gestalt einer Stute das
achtbeinige Ross Odins zur Welt. Von Odin wird er anfangs zwar
geachtet, später jedoch verbannt, nachdem durch seine List Balder
getötet wurde.
Als Kulturheros erfindet er unter anderem das Fischnetz, aber er
wird auch zum Opfer seiner eigenen Erfindung. So hatte er einmal die
Asen in seinen Zankreden derart erzürnt, dass er sich vor ihnen
verstecken musste. So verwandelte sich Loki auch einmal in einen Lachs
und versteckte sich in einem Wasserfall. Die Asen fanden das von Loki
zurückgelassene Netz und kamen auf die Idee, damit Fische zu fangen.
Der dermaßen in die Enge getrieben Loki versuchte sein Heil in einem
gewaltigen Sprung. Thor griff jedoch nach ihm, aber er glitt ihm fast
aus der Hand und er konnte ihn erst am Schwanz wieder festhalten. Es
heißt, dass von da an der Lachs hinten spitz zuläuft.
Der gefangene Loki wurde zur Strafe auf einen spitzen Felsen
gefesselt. Über seinem Kopf ließ eine giftige Schlange ihren
verätzenden Speichel auf ihn herabtropfen. Seine Frau Sigyn fing diesen
Speichel in einer Schüssel auf. Ab und zu trafen jedoch einige Tropfen
Lokis Gesicht. Von Schmerzen gepeinigt wand er sich dann so stark in
seinen Fesseln, dass er dadurch Erdbeben auslöste.
Das Bild des gefesselten Gottes bringt ihn in starke Verbindung mit
dem griechischen Prometheus. Auch dieser wurde von den Göttern an einen
Felsen gefesselt, weil er das Feuer vom Olymp gestohlen und es den
Menschen geschenkt hatte. In einem symbolischen Schlüssel steht das
Feuer für den geistigen Funken der Erkenntnis, das den Menschen die
selbstbewusste Entscheidung für seine Handlungen ermöglicht, aber auch
abverlangt. Durch diese seine Handlung bindet sich Prometheus
schicksalhaft an die Menschheit. Seine Leiden dauern so lange, bis er
von einem Menschen selbst erlöst wird: Herakles, der den die Leber des
Prometheus fressenden Adler mit einem Pfeilschuss erlegt.
Der Zwiespalt des göttlichen Narren
Das, was uns am Verhalten dieser und ähnlicher Heroen und Götter
irritiert, ist ihre moralisch gesehen nicht eindeutige Handlung. Sie
scheinen die Gerechtigkeit bzw. das, was sie darunter verstehen, nach
ihrem Gutdünken auszulegen. Eine Haltung, die uns unverständlich
erscheint. Dabei urteilen wir jedoch von unserer Vorstellung von
Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit heraus und verneinen die Möglichkeit
einer anderen, einer höheren Wahrheit.
Gemäß Platon haben die Handlungen der Götter immer das Gute zum Ziel
und von dieser Haltung aus gilt es die Handlungen des Tricksters zu
bewerten. Schwierig für uns, denn wir sind gewohnt, den Augenblick zu
betrachten. Wie oft sind anfangs kulturschaffende Elemente der Musik,
der Technik, der Wissenschaft oder der Gesellschaft abgelehnt und sogar
bekämpft worden, ehe sich ihre "guten", weil zukunftsweisenden
Wirkungen auf die Menschen gezeigt haben?
Die Tarotkarte "Der Gehängte" zeigt den dafür notwendigen Wechsel
unserer Weltsicht. Kopfüber nach unten, an einem Seil hängend, sieht
der Mensch die Welt "umgekehrt", auf dem Kopf stehend. Das, was er
bislang als aufrecht gesehen hat, dreht sich um. Genauso müssen wir in
der Lage sein, unsere Sichtweisen zu ändern. In der Welt unserer
vorgefassten Meinungen zu verharren bedeutet den sicheren Untergang für
jede weitere Entwicklung. Der Trickster zeigt uns durch seine Handlung
die Notwendigkeit dieser flexiblen Lebenshaltung.
Eine mythologische Gestalt, die ausdrucksstark all diese Fertigkeiten
in sich vereint, ist die Gestalt des Coyoten in den amerikanischen
Kulturen.
Der Coyote
Die mythologische Gestalt des Coyoten ist die bei den indigenen
Kulturen Amerikas wohl bekannteste Form des Tricksters. Als
allgegenwärtiger Gott tritt er in vielerlei Gestalten auf. So erscheint
er in den Schöpfungsmythen als ein Schöpfergott, zugleich ist er jedoch
der Übermittler von Botschaften und der göttliche Narr. Ihm eigen ist
die besondere Fähigkeit der Verwandlung. In einigen Geschichten zeigt
er sich als adretter junger Mann, in anderen als Tier. Manchmal ist er
nur als heilige Kraft gegenwärtig, der den Menschen aus Erde erschuf.
Oft wird er nicht als der große Gott angesehen, sondern als seine
rechte Hand, der von ihm bestraft und gelobt wird und ausgesandt wird,
um seine Botschaften zu vermitteln. Seine besonderen Fähigkeiten als
Kulturheros liegen in der Transformation, der Reise, den edlen Taten
und der Macht. Er verändert den Lauf der Flüsse, erschafft Berge und
Landschaften und erobert die heiligen Elemente für die Menschen. Für
diese kämpft er auch gegen die Bestien, die die Menschheit zu zerstören
drohen.
Moderne Trickster
Der Mythos kann nicht verschwiegen werden. Die ewige Gestalt des
Tricksters lebt heute unter anderem bei folgenden Figuren wieder auf:
Bugs Bunny, Felix the cat, Der Rosarote Panther, Woody Woodpecker,
Charlie Chaplin und viele andere mehr.
Wenn wir die Symbolik dieser Figur negieren, versperren wir uns den
Weg zu neuen Erkenntnissen. Fixiert an die eindimensionale Sicht von
Gut und Böse werden wir dann immer wissen, was "gerecht" ist und was
nicht. Wir brauchen den Trickster, nicht nur, um über uns selbst lachen
zu können, sondern um das eine und das andere sehen und akzeptieren zu
können und damit ein Verständnis zwischen den Menschen anderer Kulturen
und Ansichten zu erreichen.
Autor: Helmut Knoblauch
(aus: Abenteuer Philosophie Nr. 113)
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