Die göttliche Komödie
Es war einmal ein Mann, der liebte seine Vaterstadt und tat alles, was
er konnte, um ihre Zukunft zu sichern. Leider schloss er sich der
„falschen“ Partei an und musste, als diese in politischen
Streitigkeiten unterlag, fast mittellos und auf die Hilfe seiner
Freunde angewiesen, in die Verbannung gehen. Auf dieser Reise, die den
Rest seines Lebens dauerte, hatte er eine Vision, eine gewaltige
Eingebung, die er zu Papier brachte und so eines der größten Werke der
Weltliteratur schuf.
Die Stadt hieß (und heißt heute noch) Florenz, der Mann Dante Alighieri
und das Werk „Die göttliche Komödie“, die alles andere ist als eine
Komödie im heutigen Sinn. Damals (Anfang des 14. Jahrhunderts) war
alles, was keinen „himmlischen“ (und damit „tragischen“) Inhalt hatte,
eine „Komödie“, und da Dantes Werk mit einem Gang durch die Hölle
beginnt, nannte er selbst es „Die Komödie“.
Dante Alighieri steht als machtvolles Symbol des erwachenden
rebellischen Geistes der beginnenden Renaissance, in der sich die
dogmatischen Denkweisen der mittelalterlichen Scholastik mit dem neuen
und frischen Wind des sich wieder auf sich selbst und seine eigene
Kraft besinnenden Menschen heftige Auseinandersetzungen lieferten.
Angefeindet zu Lebzeiten, gilt er heute als einer der größten Dichter der Welt überhaupt.
Die „Komödie“ entstand in der Zeit des katholischen Schismas, des
Streites um die Vorherrschaft in Italien durch Kaiser oder Papst und
der generellen Hinterfragung der Berechtigung der politischen Macht des
Papsttums und der Kirche. Sie entstand in der Zeit eines in zahlreiche
Kleinstaaten zersplitterten Italien, der Hochblüte der Inquisition und
aller mit ihr verbundenen Grausamkeiten, aber auch der Neugeburt der
Wissenschaft, der tiefen religiösen Mystik und der politischen
Emanzipation.
Vor diesem Panorama breitet sich die Handlung der (von Boccaccio später
„göttlich“ genannten) Komödie aus, die den Weg des Menschen, der
Politik und der Religion visionär mit großer Klarheit zeichnet.
Abgefasst in drei Abschnitten zu je 33 Gesängen und einem einleitenden
Gesang, besteht sie aus hundert Gesängen, die aus Versen zu jeweils
drei Zeilen bestehen. Die erste und die dritte Zeile eines jeden Verses
reimen sich, genauso wie die zweite Zeile eines Verses mit der ersten
des folgenden, und so ist das ganze Werk eine in sich verflochtene
Einheit.
Die Entscheidung
Der Schlüssel zur „Göttlichen Komödie“ ist der erste Gesang, in dem
sich der Mensch (symbolisiert durch den Dichter selbst) am Scheideweg
befindet: Er will aus den Niederungen seines Daseins den Berg
erklimmen, der ihn zur Sonne bringt. Dazu muss er sich durch einen
dichten, dunklen und unheimlichen Wald (das Symbol für die verwirrten
und verfilzten Gedanken und Gefühle) kämpfen.
Dort stellen sich ihm drei symbolische Tiere (ein
Panther, das Symbol für die Leidenschaften, ein Löwe, das Symbol für
den Stolz, und eine Wölfin, das Symbol für die Gier) in den Weg und
drängen ihn wieder in die Niederungen zurück.
Als er sich schon durch seine fehlende Willenskraft verloren glaubt,
trifft er auf Vergil (den Dichter der Änäis und Dantes Vorbild, Symbol
für die Vernunft), der ihm eröffnet, dass seine Jungendliebe Beatrice
(Symbol für die Seele) ihn geschickt hat, um Dante den Weg zu weisen.
Dante (der Mensch) entscheidet sich für diesen Weg und damit beginnt er
seinen schweren Pfad, der ihn schließlich ins Paradies führen wird.
Auch hier steht, wie in so vielen philosophischen Werken, die Entscheidung am Anfang des Weges.
Der Gang durch die Hölle
Der erste Abschnitt führt den Suchenden in die Hölle. Völlig in
Einklang mit allen großen philosophischen Lehren ist der erste Schritt
auf dem Weg zu Weisheit und Glück der Abstieg in die Hölle, nämlich in
die Abgründe der eigenen Persönlichkeit, derer man sich erst einmal
bewusst werden muss, bevor man den Aufstieg beginnen kann. Man muss
hinunter, und zwar bis in die tiefsten Tiefen, wo der eigene Drache
haust, das Abbild des persönlichen Stolzes, der den Menschen auf ewig
von sich selbst und damit von Gott trennt, wenn er sich nicht aktiv und
willentlich damit auseinandersetzt. Erst durch diese Auseinandersetzung
kann er vom Tiefsten zum Höchsten gelangen.
In der überzeitlichen Philosophie ist das die Phase des Erkennens und
auch Anerkennens der Proben, die auf dem Weg zu Weisheit und Glück
überwunden werden müssen. Erst deren Akzeptanz ermöglicht den Kampf und
letztlich die Überwindung. Und so ist der erste Bereich der Hölle auch
denen gewidmet, die sich im Leben nicht entschieden haben, weder für
das Gute noch für das Böse. In diesem Bereich gibt es weder Leiden noch
Glück, es gibt nur nie endende Trostlosigkeit über die eigene
Unzulänglichkeit und die Aussichtslosigkeit der Lage.
Die weiteren acht Kreise der Hölle, die wie ein Trichter hin zum
Erdmittelpunkt angelegt ist, sind gefüllt mit den „Sündern“ (Symbol für
die Menschen, die nie im Leben über das rein Materielle hinausgekommen
sind und in ihren eigenen Leidenschaften verkommen), deren Qualen als
„ironischer Gegensatz“ zu ihren Leidenschaften dargestellt werden. So
baden Mörder in kochenden Blutseen, Kuppler im Kot, Hochverräter sind
eingeschlossen im ewigen Eis, Ketzer brennen und Luzifer selbst, an der
tiefsten Stelle der Hölle, in Judecca, ist bis zur Hälfte im Eis
festgefroren.
Bis zu diesem tiefsten Punkt der Hölle müssen sie vordringen, denn nur
über Satan selbst, den tiefsten inneren Abgrund, führt der Weg zum
Licht.
Das Erklimmen des Läuterungsberges
Die zweite Etappe ist der Läuterungsberg oder das Fegefeuer, wo die
Sünden, die der Menschen erkannt, akzeptiert und bereut hat, gebüßt
werden.
Hier geht es darum, die Endlichkeit des Leidens zu zeigen, wenn man
einmal erkannt hat, dass die materielle Welt vergänglich ist und man
sein Leben entsprechend ändert. Der Schmerz führt hier zum Bewusstsein
und zur Erlösung, wie es in vielen philosophischen Überlieferungen auch
dargestellt wird, etwa in den Vier Erhabenen Wahrheiten des Buddhismus
oder der Atharaxis der Stoiker.
Der Eintritt in den Berg der Läuterungen, der umgekehrt zur Hölle in
Terrassen zur Spitze, dem irdischen Paradies, führt, geht durch ein Tor
mit drei Stufen: die weiße Stufe der Erkenntnis, die geborstene Stufe
der Reue und die flammend rote Stufe der Buße.
Der Engel-Torwächter schreibt dem Eintretenden sieben „P“ als Symbole
für die sieben Todsünden (Hochmut, Jähzorn, Neid, Habgier, Wollust,
Völlerei und Trägheit) auf die Stirn, die auf dem Weg nach und nach
ausgelöscht werden. Nur der, dessen Stirn rein ist, darf ins
eigentliche Paradies.
In dieser Region wird die Seele mit vielen Bildern und Anregungen zur
Besserung konfrontiert; die Schmerzen und Qualen verlieren hier ihren
Schrecken durch das Bewusstsein ihrer Endlichkeit, denn der, der den
Weg zu gehen begonnen hat, wird einmal sein Ziel erreichen.
Hoffnungslos ist es nur für den, der stehen bleibt oder sogar
zurückgeht.
Wesentliches Element ist hier die Reue, also die Erkenntnis, dass man
im Sinne des Göttlichen falsch gehandelt und sich so von seinem
Mensch-Sein entfernt hat. Diese Erkenntnis, zusammen mit der
Entscheidung zur Berichtigung, verschafft den Eintritt zum Weg der
Läuterung durch die Prüfungen und Proben, der zur endgültigen Erlösung
führt.
Es hängt also vom Menschen selbst ab, ob er den Weg geht. Die Gottheit
gibt ihm die Möglichkeit dazu, nach dem freien, richtig angewandten
Wille zu handeln und sich seine Erlösung zu erobern.
Auf der Spitze des Berges angekommen, verliert
Dante seinen Führer Vergil, der nicht weiter gehen darf, und wird von
Beatrice weitergeführt: Die rein menschliche Vernunft muss
zurücktreten, da sie an ihre Grenzen gekommen ist, und die Hohe Liebe
übernimmt die weitere Führung im Paradies.
Die Seligkeit des Paradieses
Die letzte Etappe schließlich, das Paradies, ist das Reich der Seligen,
die ihre Sünden überwunden haben und so ihre Göttlichkeit erkennen und
leben können. Auch das Paradies besteht aus neun Himmeln und einem
zehnten, dem Empyreum, dem Sitz der dreifaltigen Gottheit. Die niederen
Ebenen enthalten diejenigen Seelen, die noch immer Reste irdischer
Elemente, wenn auch ins Höchste sublimiert, enthalten. Sie können die
Gottheit nicht direkt schauen, haben jedoch an der ewigen Seligkeit
Anteil. Die Bewohner der höchsten Ebenen sind in direkter Kontemplation
der Gottheit versunken und wenden ihren Blick niemals von ihr ab. Durch
sie wird die Welt in Gang gehalten, denn indem sie die Gottheit
betrachten, führen sie, ohne zu denken, deren Willen direkt in der Welt
aus.
Diese Art der Handlung, in der der Mensch nur mehr Kanal ist für einen
höheren Willen, ist im Orient bekannt als die „rechte Handlung“, die
einzige Form der Handlung, die nicht an die Welt bindet. Nur so kann
der Mensch in Einklang mit der Natur handeln und sie erhöhen, ohne sie
zu schädigen.
Und, wie Dante es in den letzten Versen seines
monumentalen Werkes ausdrückt: Die Kraft, die die Welt zusammenhält,
ist die Liebe, die Anziehung auf allen Ebenen.
Der Mensch, der liebt, wird eins mit der Gottheit und damit eins mit der Welt und erhebt sich zu den Sternen.
Autor: Martin Peschaut
(aus: Abenteuer Philosophie Nr. 114)
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