Lachen ... kann Ihr Leben retten
Kleine Geschichte des Humors
Der Humor und das Lachen sind wesentlich für unsere seelische
Gesundheit verantwortlich. Wenn wir "nichts mehr zu lachen" haben, uns
sprichwörtlich "das Lachen vergeht" oder gar "im Halse stecken bleibt",
ist es höchste, Zeit innezuhalten und das Leben neu zu überdenken.
Vor 40 Jahren, so fanden Forscher heraus, haben die
Menschen noch drei Mal mehr gelacht als heute. Nur noch auf 15-mal
Lachen oder Lächeln pro Tag bringen es Erwachsene im Schnitt. Kinder
sind deutlich fröhlicher - und glücklicher: Sie lächeln oder lachen
täglich durchschnittlich 400-mal.
Viele Dinge, die dem Menschen von seinem Wesen her eigen sind, muss er
in der heutigen technisierten Welt wieder erlernen.
So wie der Mensch größtenteils vergessen hat, dass er eigentlich ein
"gebürtiger" Philosoph ist und eine unsterbliche Seele besitzt,
benötigt er heute auch Erinnerungen und Anleitungen dazu, wie er von
der Tragik des Lebens Abstand nehmen kann, ohne gröberen Schaden zu
nehmen. Dazu gehört auch ganz besonders das Lachen.
Humor
"Herr, schenke mir Sinn für Humor! Gib mir die
Gnade, einen Scherz zu verstehen, damit ich ein wenig Glück kenne im
Leben und anderen davon mitteile."
Thomas Morus, 1535
Der Humor gilt auf den ersten Blick als die Fähigkeit, ein Lachen
hervorrufen zu können. Als humorvolle Personen werden jene bezeichnet,
die andere zum Lachen bringen.
Das Wort "Humor" besitzt verschiedene Bedeutungen, leitet sich aber
ursprünglich vom lateinischen Wort "humor, -oris" ab, was soviel wie
Feuchtigkeit, Flüssigkeit oder auch Saft bedeutet. In der Antike im
Sinne von der richtigen Mischung der Körpersäfte, die zu einer guten
Stimmung verhilft.
Diese Bedeutung bildete den Ausgangspunkt für die
antike Körpersäfte- und Temperamentenlehre (heute bezeichnet als
Humoralpathologie nach Hippokrates von Kos, griech. Arzt, 460-375 v.
Chr.), welche die Temperamente des Menschen der Mischung seiner
Körpersäfte (humores) zuordnete und ihnen somit eine große Bedeutung
für Charakter und Gesundheit beimaß.
Unterschieden wurde zwischen vier Grundelementen:
Schleim (Phlegma), Blut (Sanguis), schwarzer Galle (Melancholia) und
gelber Galle (Chole). Der gesunde und ideale Mensch wurde durch ein
ausgewogenes Verhältnis dieser Säfte bestimmt. Eine jeweilige Dominanz
galt als Ursache für die typologischen Eigenschaften:
- Melancholiker (introvertiert, schwermütig, antriebsschwach)
- Choleriker (extravertiert, heftig, unbefriedigt, reizbar)
- Phlegmatiker (introvertiert, schwerfällig, kaltblütig)
- Sanguiniker (extravertiert, lebhaft, leichtblütig)
In der Renaissance hatte sich dieses Verständnis weiterentwickelt, da
man einem Menschen, dessen Humores in ausgeglichenem Verhältnis
vorhanden war, auch einen "guten Sinn für Humor" zuordnete.
Humor drückt also die Fähigkeit eines Menschen aus,
der Unzulänglichkeit dieser Welt, den Schwierigkeiten und
Missgeschicken des Alltags mit heiterer Gelassenheit zu begegnen. Er
ist somit Ausdruck einer gewissen geistigen Reife und
Leistungsfähigkeit, denn eine Grenzüberschreitung zwischen Ernst und
Spaß wird vom humorvollen Menschen willentlich vollzogen.
Das Lachen
"Jeder Tag, an dem du nicht lächelst, ist ein verlorener Tag."
Charlie Chaplin
Im Jahre 1964 erfuhr der US-amerikanische
Wirtschaftsjournalist Norman Cousins, dass er an einer als unheilbar
geltenden Entartung der Grundsubstanz des Knochengewebes leide. Ärzte
gaben ihm eine Heilungschance von nur eins zu 500, womit er sich aber
nicht abfand. Er verließ das Krankenhaus, mietete ein Hotelzimmer, das
er sich gemütlich einrichtete, und setzte nach Rücksprache mit seinem
Hausarzt alle Medikamente ab. In medizinischen Zeitschriften hatte er
über die Wirkung von Vitamin C (Ascorbinsäure) gelesen, dass es eine
wichtige Rolle bei der Bildung von Knochen und Zähnen spiele. So
versuchte er sich durch tägliche Ascorbinsäure-Infusionen zu
therapieren. Das Besondere dieser Therapie war jedoch, dass er sich
selbst zusätzlich eine gezielte, selbst erdachte Lachtherapie
verordnete: Monatelang sah er sich Slapstickfilme an und ließ sich
witzige Bücher vorlesen, wobei er entdeckte, dass minutenlanges Lachen
eine anästhetische (schmerzausschaltende) Wirkung hatte.
Nach längerem Lachen konnte Cousins zumindest ein bis zwei Stunden
schmerzfrei schlafen und nach einiger Zeit vollkommen von seiner
Krankheit genesen, was in der Medizin sehr großes Aufsehen erregte.
Wenig später erhielt er als Humorberater einen Lehrstuhl an der
medizinischen Fakultät in Stanford und gründete an der Universität von
Los Angeles eine Abteilung für therapeutische Humorforschung.
Norman Cousins' Entdeckungen über die positiven
Auswirkungen des Lachens, die ihm die Bezeichnung als "Vater der
Humortherapie" einbrachten, regten Forscher dazu an, den Einfluss von
Humor und Lachen auf die Gesundheit genauer zu untersuchen. So wurde in
den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts der Wissenschaftszweig der
Gelotologie (griech. "gelos" = das Lachen) gegründet.
Der amerikanische Psychiater William F. Fry untersuchte schon seit den
50er Jahren die physiologischen Auswirkungen des Lachens. Weltweite
Popularität kam der Gelotologie erst in den 80er Jahren zu, als
verschiedene internationale Fachgesellschaften im Bereich des
therapeutischen Humors gegründet wurden, wie z.B. die amerikanische
"Vereinigung für therapeutischen Humor", der heute über 600 Ärzte und
Psychologen angehören.
"Jedes Mal, wenn ein Mensch lacht, fügt er seinem Leben ein paar Tage hinzu."
Curzio Malaparte
Was passiert nun genau, wenn wir lachen?
Lachen ist Schwerstarbeit. "20 Sekunden Lachen
entsprechen einer körperlichen Leistung von drei Minuten schnellem
Rudern oder Laufen", stellte William Fry anhand seiner Studien fest.
Vom Gesicht bis zum Bauch werden beim Lachen bis zu 300 Muskeln bewegt.
Allein im Gesicht spannen sich 15 verschiedene Muskeln an. Einige
drücken auf die Tränensäcke, weshalb wir Tränen lachen können. Bei
einem richtigen Lachanfall pressen die Bauchmuskeln die Luft mit einer
Geschwindigkeit von mehr als 100 km/h aus dem Körper. Sturmwarnung!
Lachen hilft bei Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Angstzuständen,
Schlafstörungen, Potenzproblemen, Magengeschwüren, Allergien und sogar
bei Krebs.
Neben diesen relativ offensichtlichen Erscheinungen des Lachens gibt es
noch weitere:
Grundsätzlich ist feststellbar, dass das Lachen das Immunsystem stärkt
und somit die Widerstandskraft des Organismus gegen Krankheiten
vergrößert. Lacht der Mensch, befällt ihn ein heiteres und erhebendes
Glücksgefühl, das allgemeine Wohlbefinden steigert sich. So wirkt das
Lachen auch bei Depressionen, Schwermut, Resignation oder
Verhaltensstörungen, zumindest für kurze Zeit, aufheiternd. Dafür
verantwortlich sind so genannte Glückshormone als Auslöser positiver
Emotionen. Die Ausschüttung von Endorphinen zum Beispiel wirkt
luststeigernd, euphorisierend, schmerzlindernd und so der chronischen
Unlust entgegen.
Auf die Gesundheit des Menschen wirkt das Lachen regenerierend, was
langfristig die Chance eines "Burnouts" verringert.
Die Facetten des Humors
Der humorvolle Mensch behauptet sich gegen die Ungunst realer
Verhältnisse, ohne diese Wirklichkeit zu leugnen, was die Bedeutung der
"lächelnden Lebenshaltung" bestätigt.
Als "schwarzen Humor" bezeichnet man das Scherzen
mit Schrecken und Grauen. Er bezieht sich häufig auf gesellschaftliche
Tabuthemen. Bei dieser Art entzieht sich der Mensch häufig den
empfundenen Schmerzen oder seiner Angst, um die unangenehmen Gefühle zu
verdrängen und Belustigung hervorzurufen.
Ähnlich verhält es sich beim "Galgenhumor", welcher
Heiterkeit im Bewusstsein des
Unentrinnbaren auslöst und somit hilft, die mögliche problematische und
bedrohliche
Situation zu entschärfen und sich von dieser Angst zu distanzieren.
z.B.: Ein Delinquent, der am Montag zum Galgen geführt wird und sagt:
"Na, die Woche fängt ja gut an!"
Die "Ironie" bezeichnet als weitere Humorart eine
Ausdrucksweise, die spottend das Gegenteil des Gesagten meint. Der
ironische Mensch verzichtet auf den vorhandenen Ärger zugunsten des
Humors, wobei es ihm außerdem gelingt, eventuelle Kritik auf weniger
verletzende Weise zu äußern. Aggressivere Formen der Ironie, z.B.
Sarkasmus und Zynismus, finden häufig in boshaften und pessimistischen
Haltungen ihren Ausdruck.
Besonders in Form literarischer Werke will "Satire"
aktuelle Missstände, Anschauungen, menschliche Schwächen oder Personen
lächerlich machen, wobei sie sich der Übertreibung, Verzerrung ins
Lächerliche und Überbetonung negativer Aspekte bedient.
Der Witz: Das Wort "Witz" ist etymologisch verwandt
mit dem englischen wit "Gewitztheit, Esprit", leitet sich aber vom
althochdeutschen wizzi "Wissen", "scharfe Beobachtung" zu "wissan",
"gesehen haben" ab (vergl. englisch wit auch: "geistige Wendigkeit",
witness "Zeuge", "etw. miterleben"). Erst im 19. Jahrhundert wurde es
üblich, das Wort "Witz" auf die Produkte witziger Veranlagung zu
beziehen. Witz im älteren Sprachgebrauch bezeichnet eine raffinierte
Gebrauchsform des Verstandes, in der heutigen Form die Gewitztheit, den
Esprit (französisch "Geist") als Fähigkeit zu überraschenden, aber
gehaltvollen Assoziationen, oder den Clou, den Kern einer Sache.
Die Kunst des richtigen Lachens - der Sinn für Humor
"Humor ist nicht erlernbar. Neben Geist und Witz
setzt er vor allem ein großes Maß an Herzensgüte voraus, an Geduld,
Nachsicht und Menschenliebe."
Curt Goetz
Welche Art des Humors ist es, die den Menschen sich selbst näher bringt?
Abb.: Drei übereinander stehende Kreise. Mittlerer Kreis hat Schnittfläche mit oberen und unterem Kreis.
3. Der weise Narr = oberer Kreis.
2. Mensch mit Sinn für Humor = mittlerer Kreis.
1. Der dumme Narr = unterer Kreis.
1. Der dumme Narr: Hier wird der Humor als Maske verwendet.
Der Mensch lacht nur "oberflächlich" und hat Angst, sein Inneres zu
zeigen. Der Witz ist bissig, oft aggressiv und verletzend, oder einfach
nur Spott. Durch die fehlende Bereitschaft zur Konfrontation mit den
eigenen Fehlern und Schwächen richtet sich der Kampf des Lebens nach
außen. Verbitterung, Humorlosigkeit und häufig auch Krankheit sind die
Folge. Der dumme Narr ist "Opfer des Schicksals" und stets auf der
Suche nach Schuldigen oder Verursachern für seine Umstände.
"Dem Humorlosen mangelt es an Demut, an klarem
Verstand, an Leichtigkeit, er ist zu sehr von sich selbst eingenommen,
fällt auf sich selbst herein, ist zu streng oder zu aggressiv und lässt
es daher fast immer an Großzügigkeit, an Sanftmut, an Barmherzigkeit
fehlen."
André Comte-Sponville
2. Mensch mit Sinn für Humor: Ent-täuscht - "der Täuschung enthoben",
nimmt der Mensch sich selbst nicht mehr so ernst und beginnt über sich
selbst zu lachen.
Hier beginnt der philosophische Humor. Er erlangt eine gesunde Distanz
zu den Schwierigkeiten des Lebens, konfrontiert sich mit seinen
eigenen, inneren Schattenseiten und macht sich daher frei von den
Umständen.
Die Kunst, über sich selbst zu lachen und sich selbst nicht ganz so
ernst zu nehmen sowie immer wieder neu eine heitere Distanz zu den
Dingen und Menschen zu gewinnen, ist auf dem Weg der Selbsterkenntnis
wesentlich. Heitere Gelöstheit, Lachen, Witze, humorvolle Freude sind
ein "erfrischender Wind" inmitten von unangemessener Ernsthaftigkeit.
"Humor ist einer der wichtigsten Schlüssel zur inneren Freiheit!"
Michael von Brück
3
. Der weise Narr: Die "Weisheit des Narren" ist der losgelöste Aspekt.
Der Weise lebt zwar in der Welt, ist jedoch innerlich von den
Lebensumständen nicht mehr betroffen, er ist nicht mehr Opfer der
Umstände, sondern sieht die Bewältigung der Schwierigkeiten als
Gelegenheit, sich selbst und dem Sinn des Lebens näher zu kommen.
R. Moody beschreibt hier den "kosmischen Perspektive-Typ": "... jemand,
der sich und die anderen auf etwas distanzierte Weise sehen kann. Er
betrachtet das Leben aus einer veränderten Perspektive, in der er über
Menschen und Begebenheiten lachen kann und trotzdem mit ihnen in
emotionalem Kontakt bleibt. Ein solcher Mensch kann das Leben komisch
finden, ohne dadurch die Liebe und Achtung für sich selbst und für die
Menschheit zu verlieren."
Humor ist ... Mensch sein
Dieser kleine Streifzug durch die Geschichte des
Humors war ein Versuch, Ihnen die lächelnde Lebenshaltung schmackhaft
zu machen. Heitere Menschen wirken in manchen Kreisen unserer
Gesellschaft vielleicht sogar störend, vor allem dann, wenn wir uns dem
geschäftigen Versuch, dem Ernst des Lebens ins Auge zu schauen und den
vielen Notwendigkeiten gerecht zu werden, widmen.
Eine angemessene Portion "Feuchtigkeit" (humores) führt zu mehr
Ausgewogenheit unserer Temperamente und verleiht uns die Fähigkeit, den
Unzulänglichkeiten dieser Welt, den Schwierigkeiten und Missgeschicken
des Alltags mit heiterer Gelassenheit zu begegnen.
Der philosophische "Witz" muss wieder den Humor
heben, daraus entsteht ein glücklicher Mensch. Ein Mensch, der
glücklich ist, strahlt Freude und Heiterkeit aus, er befindet sich auf
dem Weg zu sich selbst. Vergessen wir nicht, dass das Leben ein Spiel
ist, in dem der Humor als Tugend eine wesentliche Rolle spielt. Er
hilft uns, uns selbst nicht so wichtig zu nehmen und mehr Tiefe im
Leben zu erlangen, wenn wir uns nicht mit der Oberfläche begnügen,
sondern hinter die Dinge blicken und wirklich eintauchen wollen.
Lachen kann Ihr Leben retten, wenn Sie es als guten Begleiter nehmen,
um ein wenig weiser und nicht humorlos daraus hervorzugehen.
Zitate:
"Ein Strom von Tränen oder ein schallendes Lachen sind typisch
menschliche Ausdrucksformen. Wer nicht lacht und nicht weint, ist kein
Mensch: Er ist Gott - oder wahrscheinlich eher ein Tier. Wir müssen
wieder lernen zu weinen und zu lachen. Aber nicht mit melodramatischen
Klagen oder spöttischem Ton, sondern gesund, natürlich und rein."
J.A. Livraga (Philosoph und Gründer der Internationalen Organisation Neue Akropolis)
"Aller höhere Humor fängt damit an, dass man die eigene Person nicht mehr ernst nimmt."
Hermann Hesse
"Kein Geist ist in Ordnung, dem der Sinn für Humor fehlt."
Samuel Coleridge
"Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachten
die Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von
ihnen lache. Du allein wirst Sterne haben, die lachen können."
Antoine de Saint-Exupéry ("Der kleine Prinz")
"Der Heiterkeit sollen wir, wann immer sie sich einstellt, Tür und Tor öffnen; denn sie kommt nie zur unrechten Zeit."
Arthur Schopenhauer
"Wer einen Menschen wieder zum Lachen bringt, der schließt ihm das Himmelreich auf."
Jürgen Moltmann
Literatur:
- André Comte-Sponville, "Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben" (Rowohlt)
- Raymond A. Moody, "Lachen - über die heilende Kraft des Humors" (Rowohlt)
- WIKIPEDIA: Humor, Lachen; http://de.wikipedia.org
Autorin: Gabriele Schörghofer
(aus: Abenteuer Philosophie Nr. 113)
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