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Teresa von Avila 


 

Teresa von Avila, spanische Kirchenlehrerin des 16. Jahrhunderts, war keine kitschige Heiligenfigur, sondern eine sehr vitale, starke Frau mit allen Ecken und Kanten menschlicher Unzulänglichkeiten, Eitelkeiten, Machtstreben und Kampfgeist – und eine der größten Mystikerinnen.

 

Spricht man von Teresa, so spricht man von Gott, aber auch vom Mitmenschen und von sich selbst. Ihr Portrait zeigt uns, dass Mystik nichts mit Mystizismus, naivem Frommsein zu tun hat. Diese unfassbare Persönlichkeit, die dynamisch die Schwelle zur Neuzeit überschritt, vereint in sich den doppelten Aspekt ihres Lebens: kontemplative Versunkenheit einerseits und unermüdliche Aktivität im Alltagsleben andererseits. Gerade dies macht sie dem heutigen Menschen so sympathisch. Sie zeigt uns, dass beide Wege einander nicht ausschließen, sondern einander bedürfen.


Teresa wusste sehr wohl, dass es nicht einfach ist „Herr über sich selbst, ein reifer, verantwortungsbewusster, liebender Mensch zu werden“. Sie schrieb daher nicht für die Trägen und Satten, die davor Angst haben aufzuwachen und der Wahrheit ins Auge zu sehen. Teresa war eine immerwährend tätige, verantwortungsbewusste Frau, die ihr Leben als einmalige Chance betrachtete. Durch ihre Liebe und ihr Engagement wollte sie diese Chance auch anderen bewusst machen. Es ging ihr nicht um ihr persönliches Seelenheil, sondern um das ihrer Mitmenschen.


Teresa lebte in einer Zeit, in der sich der Mensch langsam von den Vorstellungen des Spätmittelalters löste und zu einem neuen Selbstbewusstsein erwachte. Es war eine Zeit der Umwälzungen und Entdeckungen. Die Erforschung des Menschen, seine innere Polarität, trat nun in den Vordergrund. In der Kirche äußerte sich dieses neue Weltbild durch die Reformation.


Als Frau des 16. Jahrhunderts durfte Teresa keine Universität besuchen. So lernte sie durch Lektüre geistlicher Meister aus früheren Zeiten und war bald mit den bedeutendsten Theologen und Wissenschaftlern ihrer Zeit befreundet, die sie sehr schätzten und von ihr lernten. Für die damalige Zeit revolutionär, lebte sie ganz selbstverständlich ein neues Frauenbild und machte so den Frauen ihrer Zeit Mut, ihr Leben vor Gott selbst in die Hand zu nehmen und die rein männliche Leitung des Staats- und Kirchenwesens nicht als gegeben hinzunehmen.

 

Teresas Leben und Wirken


Teresa wurde am 28. März 1515 in Avila geboren und wuchs in einer kinderreichen Familie auf. Ihr Vater, Don Alonso de Cepeda, stammte aus einer Handelsfamilie in Toledo und war jüdischer Herkunft. Sein Vater war 1485 zum Christentum konvertiert. Die Mutter Teresas, Beatriz de Ahumada, kam aus dem Stadtadel Avilas. Teresas Vater brachte zwei Kinder mit in die Ehe, wozu noch neun aus der Ehe mit ihrer Mutter kamen. Teresa war von diesen die Zweitälteste. Don Alonso war ein sehr gütiger, ernster Mann, der sich nicht dazu überreden ließ, Sklaven zu halten, im Gegensatz zu seinen Mitbürgern. Dona Beatriz, eine sehr verständige, zarte Frau von großer Schönheit, hatte schon im jungen Alter von vierzehn Jahren geheiratet. Die zahlreichen Schwangerschaften und der aufwändige Haushalt muteten ihr sehr viel zu, so dass sie immer kränkelte und bereits im Alter von vierunddreißig Jahren verstarb.


Teresas Eltern waren sehr darauf bedacht, die Kinder im Geist des Evangeliums zu erziehen. Sie lehrten die Kinder früh das Lesen von Schriften und Heiligenlegenden. Berichte über Märtyrer veranlassten die phantasiebegabte Teresa als Sechsjährige, mit ihrem Lieblingsbruder auszuziehen, um im Land der Mauren den Märtyrertod zu erleiden – ein Onkel brachte das Ausreißerpaar bereits vor den Stadttoren wieder zurück. Später bewertete Teresa diesen kindlichen Drang sehr realistisch. Ihre Motivation sei nicht Liebe zu Gott gewesen, „vielmehr die Sucht, bald zu jenen großen Gütern zu gelangen, die es, wie ich gelesen habe, im Himmel gibt“.


Das verdeutlicht das kindliche Verständnis einer für die damalige Zeit typischen Auffassung, nämlich sich das ewige Seelenheil durch das Opfer des Lebens erkaufen zu können.


Teresas Verlangen nach Einsamkeit, nach dem Tod, wurden nach dem Tod ihrer Mutter (1528) abgelöst von ihrem Wunsch zu gefallen, Freundschaften zu schließen, wobei ihr liebenswürdiges Wesen, ihr angeborener Charme und ihr Temperament sie meist sehr schnell zum Mittelpunkt eines Freundeskreises machten. Teresa war ein sehr aufgewecktes, eigenwilliges Mädchen, sehr mit sich selbst beschäftigt, aber auch weltlichen Vergnügungen und kindlichen Liebhabereien nicht abgeneigt.


In diesen Jahren entsprach Teresa also nicht frommen Erwartungen, erst recht nicht dem Klischeebild einer künftigen Heiligen.


Teresa war in ihrer Selbstkritik diese Zeit betreffend sehr hart, betonte aber auch gleichzeitig, nie etwas Unehrenhaftes getan zu haben. Ihre Ehre, die Ehre vor der Welt, und die ihres Vaters war für Teresa zeit ihres Lebens sehr wesentlich; darin entsprach sie ganz dem Bild einer Spanierin ihrer Zeit.


Als Sechzehnjährige brachte sie ihr Vater zur Erziehung in das Augustinerinnenkloster zu Avila. Anfangs litt Teresa sehr darunter, doch bald fand sie dort ihr inneres Gleichgewicht und gab auch ihre Feindschaft gegenüber dem Ordensberuf auf. Großen Einfluss hatte eine Nonne auf sie, die mit ihrer Freundlichkeit und ihrem überzeugenden Sprechen von Gott Teresa anregte, dem Gebet mehr Zeit zu widmen.


Wegen schwerer Krankheit verließ Teresa 1532 das Kloster, um sich auf dem Land zu erholen. Auf dem Weg dorthin traf sie mit ihrem Onkel Don Pedro zusammen, der durch seine Persönlichkeit, durch Gespräche und durch Bücher des hl. Hieronymus, die die Freude einer völligen Hingabe an schildern, Teresa wieder innerlich wachrüttelte.


Ähnliches geschah immer wieder in Teresas Leben. Erfahrungen mit Gott werden durch egoistische Welthingabe verdrängt; Freundschaften mit gotterfüllten Menschen regen sie an, in Stille und Kontemplation die Freundschaft mit Gott wieder zu suchen.


Wieder einmal musste die inzwischen Zwanzigjährige einen heftigen inneren Kampf durchstehen: Unzufriedenheit mit ihrem bisherigen Leben, Angst vor dem Gericht, vor dem Tod, regten sie an, den Ordensstand zu wählen; andererseits hielten Freude am Reichtum, an einem abwechslungsreichen Leben sie wieder davon ab.


Auch wenn sie später sagte, es habe sie eher „knechtische Furcht“ als Liebe zur Nachfolge Christi geführt, so waren es doch mehr ihre Gotteserfahrung und ihr starkes Ehrgefühl, welche ihr halfen, den für ihre Zeit- typischen Heilsindividualismus zu überwinden. Natürlich darf man auch nicht vergessen, dass sie als Frau ihrer Zeit nur zwischen Heirat und Kloster wählen konnte, wobei Ersteres sie aufgrund des Lebens ihrer Mutter sicherlich nicht so stark reizte.


Da ihr ihr Vater die Einwilligung zum Klostereintritt nicht gab, floh Teresa am 2. November 1535 aus ihrem Elternhaus und trat ins Kloster der Menschwerdung (Santa Maria de la Encarnacion) in Avila ein.


So hart der Ordenseintritt für Teresa auch gewesen sein mag, so stark war ihr darauf folgender Friede. Trotz all ihrer körperlichen und seelischen Leiden, die sie während ihrer zwanzig Ordensjahre erfahren sollte, schrieb sie: „Als ich das Ordenskleid genommen hatte, ließ mich der Herr verstehen, wie sehr er jenen hilft, die sich Gewalt antun, um ihm zu dienen. Niemand sah es mir an, welch starken Willen ich aufwenden musste ... Seit dieser Gnade empfand ich große Freude über meinen Stand, die mich bis heute niemals verlassen hat. Gott verwandelte die Trockenheit meiner Seele in größte Zärtlichkeit.“


Der Eintritt ins Kloster beendete jedoch nicht Teresas inneren Kampf, im Gegenteil, er intensivierte ihn noch. Die weltzugewandte, kontaktfreudige Frau sehnte sich nach der Erfahrung der Nähe Gottes, die ihr helfen sollte, Welt und Ewigkeit, Leben und Tod als Einheit zu erfahren. Nur der Glaube an die Existenz Gottes genügte ihr nicht. Für Teresa musste Gott lebendig, dem Menschen in allen seinen Höhen und Tiefen nahe sein. Diese immer stärker werdende Einheit zwischen menschlicher und göttlicher Liebe war für Teresa nur im Glauben an Jesus Christus möglich. So sah sie Jesus auch nicht so sehr in seiner göttlichen Erhabenheit, sondern den Menschen Jesus, der selbst Höhen und Tiefen erlebte und ihr dadurch bei ihrem persönlichen Kampf half. Glauben bedeutete für Teresa die Erfahrung Gottes in der Welt. Dies geht nicht automatisch, sondern jeder muss von sich aus alles tun, um Gott wahrzunehmen. So forderte sie, die Taten Gottes zu betrachten, seine Spuren in der Schöpfung zu sehen, zu studieren, um die menschliche Seele für die Wahrnehmung Gottes vorzubereiten. Erst dann erkennt der Mensch, dass all sein Streben nur Antwort auf den Ruf Gottes war, Vorbereitung für die Vereinigung mit dem Göttlichen. Dies nannte Teresa Mystik, Leben mit Gott, inneres Gebet.


Teresas Bedürfnis, Gott nahe zu sein, bewirkte, dass sie sich einerseits von Theologen, erfahrenen Menschen beraten ließ und andererseits auch selber apostolisch auf ihre Mitmenschen einwirkte; so brachte sie z.B. einen Priester wieder auf den rechten Weg zurück.


Im Kloster der Karmeliterinnen galt zwar die mildere Regel, doch Teresa legte sich selbst übertriebene Bußübungen auf, züchtigte ihren Körper, übernahm Nachtwachen. Sie kränkelte immer stärker, Kuraufenthalte änderten nichts an ihrem Zustand; im Gegenteil, Fehldiagnosen der Ärzte und Fehlbehandlungen ihrer vorwiegend psychisch bedingten Krankheit verschlimmerten ihren Zustand immer mehr, bis 1539 ihr Ende gekommen schien. Sie lag drei Tage wie tot da, und nur weil sich ihr Vater nicht von ihr trennen konnte, blieb sie vor einer Beerdigung bei lebendigem Leibe bewahrt. Danach war sie drei Jahre lang gelähmt. Diese Zeit nutzte Teresa, um mit den Menschen über Gott, über ein christliches Leben zu sprechen. Sie strahlte innere Freude und Geduld aus und wirkte auf ihre Mitmenschen sehr stark vom Krankenbett aus.


1538 hatte sie ein Buch des Franziskaners de Osuna über das innere Gebet gelesen, das sie stark beeindruckte. Seither betrachtete sie Osuna als ihren Lehrmeister, da sie trotz vieler Begegnungen niemanden fand, der sie auf ihrem Weg führen konnte. Das Gespräch mit Gott, angeregt durch Osuna, fesselte sie so stark, dass sie Mittel wie Einsamkeit, Meditation, Kontemplation einsetzte, um Gott, um eine tiefe Liebe zu erfahren.


Man könnte sagen sagen, dass Teresa ab ihrem Klostereintritt innerlich einer Zerreißprobe ausgesetzt war: einmal die totale Hingabe an Gott, andererseits ihr starker Drang zur Welt. Sie sollte auch viele Jahre brauchen, um darin einen Sinn zu entdecken. Diese Krise, die sie an den Rand des Todes trieb, wiederholte sich zwar nicht mehr in dieser Ausprägung, doch rang Teresa lange Zeit darum, ihre Hingabe an die Welt in ihre Hingabe zu Gott einfließen zu lassen.


1542 verbesserte sich Teresas Gesundheitszustand. Sie war inzwischen 27 Jahre alt, galt als gute Ordensfrau, die ihre Verpflichtung ernst nahm und durch schwere Krankheit gereift war.


Doch ihre physische Gesundheit verhalf ihr nicht zum inneren Frieden. So schrieb sie, sehr streng mit sich selbst: „Ich begann, mich von einem Zeitvertreib in den anderen, von einer Eitelkeit in die andere und von einer Gelegenheit in die andere zu stürzen. Ich hatte mich in so viele Dinge eingelassen, und meine Seele war von so vielen Nichtigkeiten verdorben, dass ich mich schämte, Gott eine besondere Freundschaft, wie sie das Gebet ist, zu schenken.“


Teresas Kämpfe und Selbstanklagen sind nur im Hinblick auf ihre Berufung zur Kontemplation zu verstehen und ihrem davon abweichenden Verhalten. Ihre Gottesliebe bedeutete für sie nämlich auch konkret Dienst am Nächsten. Sie sah Gott als die Mitte ihrer Existenz, als ihren persönlichen Partner. Mit ihm ging sie zu den Menschen. Diese Hinwendung zum Nächsten musste sie verbinden mit der Hinwendung zum Göttlichen, dessen Gegenwart sie im Schweigen und in der Einsamkeit am besten erfuhr. Beides war für die Kontemplation wesentlich; dies aufzugeben, bedeutete für Teresa „an der Seele erkranken“.


So lebte Teresa bis 1554 in innerer Zerrissenheit und suchte vergebens nach geistlicher Führung.


1554 trat dann ein Ereignis ein, das Teresa auf ihrem Weg zu Gott unterstützte und ihrer zermürbten Seele Linderung verschaffte. Vor einem Christusbild in ihrem Kloster wurde sie plötzlich wachgerüttelt. Sie sieht den von Wunden entstellten Herrn und erkennt ihren Mangel an Hingabe. Dieses Erleben und die Lektüre der „Bekenntnisse“ des hl. Augustinus, in denen sie ihre eigenen Nöte geschildert sah, gaben ihr die weitere Richtung an. Das Erlebnis löste sozusagen die noch fehlende letzte Entschlossenheit aus, den Mut, sich über Zeit, Situation und „Frau sein“ hinwegzusetzen.


Teresa entwickelte eine ihr eigene Art des Gebets, das für sie immer essentieller wird, zu einer Art Lebenselixier. Darin reißt ihr Gespräch mit Gott nie ab. Hinzu kamen Visionen, wo sie innerlich Christus sah, besonders als den Auferstandenen. Diese Visionen, die sie in ihrem Buch „Innere Burg“ beschrieb, gaben ihr Kraft auf ihrem Weg des Gebets. Ihre im Gebet gefundene Freundschaft zu Gott, d.h. die Zurücknahme der eigenen Aktivität und das Sich-Öffnen für die kontemplative Erfahrung, beschrieb sie sehr klar in ihrer Biografie anhand des Bildes vom Garten und den verschiedenen Möglichkeiten der Bewässerung.


Der lange Prozess des Lernens führte Teresa von der „knechtischen Furcht“ um ihr eigenes Seelenheil – dem Anlass ihres Klostereintritts – zur Freiheit im Einssein mit Gott. Im Gebet öffnete sie sich für den Dialog mit Christus, dessen Nähe sie in Visionen unmittelbar erfuhr.


Ihre individuelle Gottbezogenheit schloss aber den Dienst am Mitmenschen mit ein: Teresas Gottes-Freundschaft ist unvorstellbar ohne ihre Menschenfreundschaft, das eine bedingt das andere.


In diese Zeit fiel daher nicht zufällig auch die Gründung ihres ersten Reformklosters in Avila, dem weitere folgen sollten. So wurden die Jahre 1560 bis 1562 für Teresas Leben entscheidend. Während eines Gesprächs mit ihren „fünf Freunden“, mit denen sie geistig eng verbunden war, nahmen ihre Reformpläne immer mehr Gestalt an. Teresa fühlte sich gedrängt, ein kleines Reformkloster zu gründen, wo man nach der ursprünglichen Regel des Karmel, formuliert im 13. Jahrhundert, leben konnte.


Das Kloster der Menschwerdung in Avila, in das Teresa 1535 eingetreten war, war so wie alle anderen Klöster jener Zeit, kein Kloster wie wir es heute kennen. Klöster waren damals sehr oft eine Zufluchtsstätte für adelige Töchter. Sie konnten ihren Lebensstil im Kloster fortführen, hatten dort geräumige Wohnungen, wohin sie weiterhin Freunde und Verwandte einladen konnten. Teresa hat zwar immer betont, dass man auch dort ein Gott wohlgefälliges Leben führen kann; für sie selbst herrschte aber zu viel Unruhe und zu wenig Sammlung. Sie strebte mehr nach einer kleinen Gruppe von Schwestern und Brüdern.


Die Gründung eines Klosters bedingte eine Öffnung nach außen. Diese soziale Aktivität war für eine Ordensschwester der damaligen Zeit mehr als ungewöhnlich und brachte Teresa selbst bei den Karmeliterinnen Misstrauen und sogar Feindschaften ein.


Trotz aller Anfechtungen und Schwierigkeiten fand am 24. August 1562 die Gründung des armseligen Klösterchens San José mit vier Ordensschwestern statt. Teresa legte ihren Adelstitel ab und nannte sich fortan Teresa de Jesús. 1563 wurde sie offiziell zur Priorin dieses Klosters ernannt, schrieb Satzungen für ihre Schwestern, die der Papst bestätigte. Im Klosteralltag war sie sehr praktisch, resolut und im Umgang mit anderen immer ein Vorbild für ihre Schwestern.


Bald erhöhte sich die Zahl der Schwestern auf die gewünschten dreizehn, die sich Descalzas – Unbeschuhte – nannten, wobei die Ordensregel die strenge Klausur, achtmonatiges Fasten und Bußübungen beinhaltete. Teresa lag daran, ihre Schwestern zu freien Menschen zu erziehen, die vor Gott selbständig denken und handeln. Bloße Gesetzesfrömmigkeit, Mangel an Urteilsfähigkeit und geistige Engstirnigkeit lehnte sie ab.


Die Gründung des Klosters verdeutlicht sehr anschaulich ein typisches Charaktermerkmal Teresas. Auf dem ersten Höhepunkt ihrer mystischen Erfahrung widmet sie sich nicht nur ihrem persönlichen Seelenheil, sondern öffnet sich ganz nach außen. Charakteristisch für ihr Leben ist, dass Kontemplation und Aktivität einander ergänzen, zusammengehören. Sehr deutlich ist dies aus ihrem mystischen Hauptwerk „Die innere Burg“ zu erkennen, wo sie die beiden biblischen Frauen, die kontemplative Maria und die praktische Martha, zum Vorbild nimmt.


Ab 1567 begann die Reform sich durchzusetzen. Teresa wurde ermutigt, weitere Klöster zu gründen, auch Männerklöster. So begann sie mit zweiundfünfzig Jahren landauf, landab zu ziehen und unter abenteuerlichen und erschreckend ärmlichen Verhältnissen Klöster zu gründen, achtzehn bis zu ihrem Tod. Von den einen wurde sie bewundert und geliebt, von anderen als ungehorsam, anmaßend und als ruhelose Vagabundin verurteilt.


1571 wurde Teresa wieder in das Kloster der Menschwerdung zu Avila zurückgerufen, wo sie für drei Jahre das Amt der Priorin übernehmen sollte. Dies war nicht ihr eigener Entschluss, sondern sie befolgte die Anweisung ihres Oberen, der sich von Teresa eine Reform des Klosters erhoffte. Teresa wurde nicht gerade freudig empfangen, doch mit Geschick und großer Energie gelang es ihr, die ihr zugeteilte Aufgabe zu erfüllen. Aufgrund ihrer Persönlichkeit und ihres Charismas konnte sie bald die Schwestern für sich gewinnen, obwohl sie den „Beschuhten“ erhebliche Einschränkungen verordnete. Sie machte ihnen bewusst, dass sie in einem Karmelkloster lebten, nicht in einem Wohnstift.


1574 endete Teresas Auftrag, und sie kehrt in ihr Kloster San José zurück.


Durch den Erfolg der Reform wuchsen auch die Widerstände, besonders im männlichen Orden. Ab 1575 spitzte sich die Lage so zu, dass das Werk Teresas ernsthaft bedroht war, wobei die Ursachen für den Konflikt zwischen der Reform Teresas und dem Stammorden vielschichtig waren. In dieser schweren Zeit wurde für Teresa Pater Gracian, ein Angehöriger des Männerkarmel, den sie sehr schätzte, eine große Hilfe. Als Gracian zum Visitator des Gesamtordens ernannt wurde, brach der berühmte „Sturm“ los, in dem Teresas engste Mitarbeiter ins Gefängnis kamen und sie selbst – neben Schwierigkeiten mit der Inquisition – vorläufig keine Klöster mehr gründen durfte.


Der neu ernannte Nuntius der Beschuhten bezeichnete Teresa als eine „unstete, ungehorsame und widerspenstige Vagabundin“, die „unter dem Schein der Frömmigkeit schlechte Lehren erfindet, die außerhalb ihrer Klausur umherschweift und sich als Lehrerin ausgibt, entgegen dem Gebot des Apostels Paulus, wonach Frauen nicht lehren dürfen“.


Die Kämpfe wurden beendet, indem vom König selbst Frieden zwischen den unbeschuhten und beschuhten Karmelitern gestiftet wurde und der Papst die Eigenständigkeit der Descalzos bestätigte, zu deren Vorsitzenden 1581 Pater Gracian gewählt wurde. 1580 konnte Teresa ihre Gründungstätigkeit wieder aufnehmen.


Trotz schlechter Gesundheit und großer Übermüdung besuchte sie 1582 das Kloster Alba de Tormes, um dort Schwierigkeiten zu regeln. Dort erkrankte sie schwer, sie bekam hohes Fieber und starke Blutungen.


Am 4. Oktober 1582 starb Teresa in den Armen einer ihrer Lieblingsschwestern. 1614 wurde sie selig gesprochen, 1617 zur Schutzpatronen Spaniens ernannt und 1622 heilig gesprochen.


Am 27. September 1970 wird Teresa vom Papst Paul VI. als erste Frau zur Kirchenlehrerin ernannt, die von der Kirche dafür verlangten Voraussetzungen sind Rechtgläubigkeit der Lehre, Heiligkeit des Lebens und hohe wissenschaftliche Leistung.

 

Resümee


Beschäftigt man sich mit der Persönlichkeit Teresa von Avila, so kommt man nicht umhin, von ihr fasziniert zu sein. Sie gibt auch den Menschen der heutigen Zeit Mut, sich voll und ganz für das als richtig Erkannte einzusetzen und sich nicht durch Rückschläge entmutigen zu lassen. Sie spricht gerade auch die Frauen unserer Zeit an, die ähnlich wie Teresa mit Schwierigkeiten und Diskriminierung zu kämpfen haben. Zeit ihres Lebens konnte sich Teresa nur aufgrund ihrer Unerschütterlichkeit in einer frauenfeindlichen Gesellschaft durchsetzen.


So mögen einige ihrer Charaktereigenschaften uns heute noch Orientierung geben: Mut, Tatkraft, Geduld, Frohsinn, Ehrlichkeit vor sich selbst und anderen, Steh-auf-Männchen-Mentalität, Humor und immer wieder Liebe.


Teresas Leben war gekennzeichnet vom Spannungsfeld innerer und äußerer Aktivität. Dass sie darin eine Synthese gefunden hat – die Einheit von Mystik und Tat –, kennzeichnet diese große Persönlichkeit. Diese Einheit wird von jedem Menschen gefordert und in besonderer Weise von der Frau unserer heutigen Zeit.  

 

Literatur:

• Waltraud Herbstrith: „Teresa von Avila: Lebensweg und Botschaft“, Neue Stadt 1996

• Erika Lorenz: „Teresa von Avila: Ich bin ein Weib – und obendrein kein gutes“, Herder Spektrum 1998

• Eberhard Horst: „Die spanische Trilogie: Isabella, Johanna, Teresa“, Claassen 1989

 

Autorin: Waltraud Kick

 
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